Wie HR Expert:innen psychische Sicherheit betrachten

Werde klüger über psychologische Sicherheit und lerne von den HR-Experten.

Was war der schlimmste Job, den Sie je hatten? 

Ein Job, bei dem Sie Montagmorgen am liebsten im Bett geblieben wären und Sie jeder Weg zur Arbeit Überwindung gekostet hat? Ein Job, bei dem Sie stets die Tage bis zum Wochenende gezählt und sich danach gesehnt haben, endlich das los zu sein, was Ihnen immer den Tag vermiest?

Den Chef? Die Arbeitsaufgaben? Die Kolleg:innen? Die Arbeitsumgebung? Das Pendeln?

Es gibt viele Faktoren, die sich auf die Freude bei der Arbeit und darauf, wie wir unseren Job wahrnehmen, auswirken. In den meisten Fällen ist natürlich nicht alles nur positiv oder negativ. Vielleicht kommen Sie gut mit Ihren Vorgesetzten klar, langweilen sich aber bei Ihrer Arbeit. Oder vielleicht lieben Sie Ihre Arbeitsaufgaben, aber es gibt Kolleg:innen, die einfach immer für schlechte Laune sorgen.

Ein Faktor allerdings ist für unsere Freude an der Arbeit in sämtlichen Situationen entscheidend – unsere psychische Sicherheit.

 

Psychische Sicherheit und Arbeitskultur sind stark voneinander abhängig

Wie sicher wir uns psychologisch gesehen fühlen, ist in vielerlei Hinsicht die Basis für eine gesunde Arbeitskultur, in der sich laut einem Zitat der Universität Aarhus...

„[…]Menschen fühlen [sich sicher], wenn sie sich äußern und sie selbst sind. In einer psychologisch gesehen sicheren Arbeitsumgebung gibt es keine Folgen, wenn Menschen Zweifel, andere Meinungen usw. mit anderen teilen. Diese werden konstruktiv bei der Arbeit/Zusammenarbeit genutzt und tragen positiv zum Lernen, zur Präsentation, zum Engagement und zum Wohlergehen der Mitarbeitenden bei – es entsteht also ein psychisch gutes Arbeitsklima.“ — Universität Aarhus

Mitarbeitende in privaten und öffentlichen Organisationen mit hervorragender psychischer Sicherheit können daher häufig besser:

  • Kolleg:innen und Vorgesetzte bei Bedarf um Hilfe bitten
  • Fragen stellen
  • Neue Dinge lernen
  • Feedback geben und annehmen
  • Mängel oder unzweckmäßige Arbeitsprozesse ansprechen
  • Neue Ideen vorschlagen
  • Ideen mit Kolleg:innen/Vorgesetzten teilen

Dies führt schlussendlich zu einer stärkeren Gemeinschaft, mehr Freude an der Arbeit, mehr Engagement der Mitarbeitenden, weniger Krankmeldungen, mehr Zufriedenheit am Arbeitsplatz, mehr Innovation, allgemeinen Verbesserungen und dadurch natürlich auch zu besseren Ergebnissen, Dienstleistungen und Endprodukten.

Falls Sie mehr darüber lesen möchten, was Sie tun können, um die psychische Sicherheit in Ihrem Unternehmen zu verbessern, können Sie unseren detaillierten Artikel „3 Ratschläge für eine bessere psychische Sicherheit am Arbeitsplatz“ lesen, in dem einige unserer erfahrensten HR Expert:innen und Arbeitspsycholog:innen Ratschläge für eine bessere psychische Sicherheit geben.

 

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Die wichtigsten Fakten zur psychischen Sicherheit

Bei der psychischen Sicherheit und der damit verknüpften Theorie geht es um die innere Welt des Menschen. Das heißt, dass unsere Art zu arbeiten davon abhängt, wie es uns geht und wie es um unsere psychische Gesundheit steht. Das betrifft ganz besonders, aber nicht ausschließlich, unsere Integration in die Gemeinschaft am Arbeitsplatz.

Ein wichtiger Schlüsselfaktor für psychische Sicherheit am Arbeitsplatz ist daher gegenseitiges Vertrauen.

Wenn wir uns sicher fühlen, geben wir unser Bestes. Natürlich ist der Vergleich mit den einstigen Stammesgemeinschaften eine Vereinfachung dessen, was heute passiert. Das Ergebnis ist aber dasselbe:

  1. Fühlen wir uns sicher innerhalb einer Gemeinschaft, tragen wir auch mehr zu dieser Gemeinschaft bei.
  2. Je mehr wir uns in einer Gemeinschaft engagieren, desto mehr profitieren alle gemeinsam davon.

Auf diese Weise fördert psychische Sicherheit in einer Aufwärtsspirale immer mehr psychische Sicherheit. Sie ist also die Basis für ein besseres Arbeitsklima, in dem sich alle wohlfühlen, wir mehr Freude an der Arbeit haben und unser Bestes geben – sowohl als Individuen als auch als Gemeinschaft.

Zwar nicht in der Steinzeit, aber immerhin noch vor der Jahrtausendwende bereits definierte Amy Edmondson, Professorin der Harvard Business School und eine der führenden Expertinnen für psychische Sicherheit diese 1999 bereits als „gemeinschaftliche Überzeugung aller Gruppenmitglieder, dass das Eingehen von Risiken innerhalb dieser Gruppe sicher ist.“

Psychische Sicherheit ist also in jedem Fall das, was den Zusammenhalt zwischen Kolleg:innen (und manchmal sogar innerhalb einer gesamten Abteilung) bei jedem erfolgreichen Projekt stärkt, wobei es völlig egal ist, ob bei diesem Projekt ein Mammut erlegt, ein Museum gebaut oder auf der Grundlage einer gerade durchgeführten Gefährdungsbeurteilung Handlungsempfehlungen für ein Unternehmen erstellt werden sollen.

Fühlt man sich psychologisch gesehen wirklich sicher am Arbeitsplatz, können auch Zweifel angesprochen, Fragen gestellt und halbfertige Ideen mit Kollegen geteilt werden, ohne als nervig, unwissend oder unsicher zu gelten.

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Voraussetzung für nachhaltigen Fortschritt

Für eine bessere Zusammenarbeit zwischen Kolleg:innen und Führungskräften ist psychische Sicherheit entscheidend. Sie schafft außerdem Platz für neue Ideen und einen Austausch zwischen Mitarbeitenden mit ganz unterschiedlicher Erfahrung in verschiedensten Positionen und Abteilungen. Letztendlich entsteht eine Arbeitskultur, die Raum lässt für die Optimierung der Prozesse, Arbeitsabläufe und Sicherheitsbedingungen. 

Der Schriftsteller und Unternehmensberater Christian Ørsted äußert sich in Bezug auf psychische Sicherheit und Führungskräfte wie folgt: 

„Traditionell gesehen ist das Führen eines Unternehmens mit Kontrolle und der Vorstellung verbunden, dass die Führungskräfte alles besser wissen. Sie sollen die Mitarbeitenden lenken und motivieren. Diese Vorstellung funktioniert genau so lange, wie die Voraussetzung gegeben ist, dass dies wirklich so ist. Dass die Führungskräfte tatsächlich immer das meiste Wissen haben. Sobald Mitarbeitende Erfahrung haben, kompetent sind und der Alltag von komplexen und sich ändernden Anforderungen zur Lösung von Aufgaben geprägt ist, ist diese Voraussetzung nicht mehr gegeben. Bei komplexen Aufgaben ist nämlich unsere Fähigkeit zur Zusammenarbeit unsere wichtigste Ressource. Und dazu gehört auch psychische Sicherheit, denn nur so können wir über die berufsbezogenen Herausforderungen sprechen, die wir gemeinsam lösen müssen.

Christian Ørsted

Author und Managementberater,


Psychische Sicherheit ist eine entscheidende Voraussetzung für den nachhaltigen Fortschritt eines Unternehmens. Nur, wenn diese gegeben ist, ergreifen Menschen die Initiative und können als Team gemeinsam unvorhergesehene Herausforderungen eigenständig lösen. Jede einzelne Person hat das Gefühl, dass es sicher ist, Wissen, Erfahrung und Engagement mit Kolleg:innen zu teilen. 

Psychische Sicherheit ist also ein wichtiger Begriff in Bezug auf das psychosoziale Arbeitsumfeld, welcher in den Gefühlen der Menschen und ihrer mentalen Einstellung zur Arbeit, ihrer Motivation und ihrem Engagement verwurzelt ist. Und deshalb wirkt sich dieser Begriff auch so stark auf so viele sichtbare und weniger sichtbare Arbeitsaspekte aus. 

Dabei ist es wichtig, sowohl die sichtbaren als auch die weniger sichtbaren zu berücksichtigen. 

Bei der psychischen Sicherheit kann es um Leben oder Tod gehen

Amy Edmondson bringt ein hervorragendes Beispiel für einen weniger sichtbaren Aspekt, der lebenswichtig ist. Und zwar wörtlich gesehen. 

Das nachstehende Beispiel ist eine Vereinfachung der Präsentation von Edmondson nach einer ihrer Studien aus der medizinischen Versorgung. 

Stellen Sie sich vor, Sie sind schwer krank und müssen sich zwischen 3 Krankenhäusern entscheiden, die Ihr Leben retten könnten. Um Ihnen die Wahl zu vereinfachen, erhalten Sie eine Übersicht mit den gemeldeten Fehlern. 

  • Für das Krankenhaus A wurden 7 Fehler gemeldet 
  • Für das Krankenhaus B wurden 2 Fehler gemeldet 
  • Für das Krankenhaus C wurden 24 Fehler gemeldet 

Für welches würden Sie sich entscheiden, wenn Ihr Leben auf dem Spiel stünde? 

Natürlich werden alle sich für Krankenhaus B entscheiden, denn es sieht so aus, als ob hier alles im Griff wäre. Im Vergleich zu Krankenhaus C ein gewaltiger Unterschied. 

Oder? 

Wie Sie vielleicht schon vermuten, sieht es in der Realität ganz anders aus. Diese Übersicht sagt nämlich sehr wenig über die Sicherheit in den verschiedenen Krankenhäusern aus, sondern nur darüber, wie groß die Bereitschaft der Mitarbeitenden ist, Fehler und Herausforderungen am Arbeitsplatz zu melden. 

Wird die Frage etwas umformuliert, wird diese Erklärung deutlicher. 

Würden Sie sich für das Krankenhaus entscheiden, in dem am seltensten Fehler gemeldet werden, oder für das Krankenhaus, in dem am häufigsten Fehler gemeldet werden, wenn Ihr Leben auf dem Spiel stünde? 

Im Krankenhaus C wurden Fehler viel häufiger gemeldet als in den anderen Krankenhäusern. Das deutet also auf eine Arbeitskultur und Führungspolitik mit hervorragender psychischer Sicherheit hin. Hier ist Platz für das Ansprechen von Fehlern und Bereichen, die verbessert werden können. 

Dies führt dazu, dass Fehler auch viel häufiger behoben, nicht zweckmäßige Prozesse optimiert und die Zusammenarbeit zwischen Kolleg:innen verbessert werden. Letztendlich erhalten auch die Patient:innen eine bessere Behandlung. 

Natürlich hat psychische Sicherheit nicht in allen Branchen so einen Einfluss auf Leben oder Tod. Das wäre übertrieben. 

Aber ignoriert ein Unternehmen die psychische Sicherheit und das psychosoziale Arbeitsumfeld, riskiert man im besten Falle, dass das Unternehmen sich nicht weiterentwickelt – im schlimmsten Falle erlebt man das langsame Sterben des Unternehmens. 

Eine hervorragende psychische Sicherheit sorgt auch für ein besseres physisches Arbeitsumfeld

Denken Sie an eigene physische Leiden. 

Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, wenig Kondition, vielleicht sogar Stress. Ist Ihnen immer völlig klar, ob die Ursache dafür körperlich oder psychisch ist? 

Rückenschmerzen können zu Stress im Alltag führen, genauso wie Stress im Alltag zu Rückenschmerzen führen kann. 

Wenn Sie sich an Ihrem Arbeitsplatz sicher genug fühlen, um mögliche Mängel oder Gefahren am Arbeitsplatz anzusprechen, erhöhen Sie auch die Chance dafür, dass nicht zweckmäßige Arbeitsprozesse, beschädigte Ausrüstung und schlechte Bürostühle ersetzt werden und fehlende Schulungen stattfinden. 

Und zwar ganz egal, ob die Mitarbeitenden im Alltag auf einer Baustelle, einem Containerschiff, auf Baumwollplantagen oder in einem Großraumbüro arbeiten. 

Psychische Sicherheit ist kein eigenständiges Ziel, sondern eine Voraussetzung zum Erreichen ehrgeiziger Ziele

Je mehr wir im Laufe der Zeit über die psychische Sicherheit erfahren haben, desto häufiger beschäftigt man sich mit diesem Punkt auch in vielen Personalabteilungen. 

Diese Entwicklung ist natürlich positiv. 

Es ist aber auch wichtig, im Hinterkopf zu behalten, dass psychische Sicherheit in Bezug auf das Unternehmen kein eigenständiges Ziel ist. Auch wenn wir uns wiederholen: psychische Sicherheit ist die Voraussetzung für nachhaltigen Fortschritt. 

Das bedeutet, dass das endgültige Ziel vielfältig sein kann und beispielsweise mehr Innovation, mehr Produktivität oder die Lösung der Klimaprobleme auf der Welt angestrebt wird. Kurz gesagt, müssen die Mitarbeitenden beinahe bei allen erdenklichen Zielen zusammenarbeiten und gemeinsam auf ein Ziel hinarbeiten. 

Psychische Sicherheit bildet daher die Grundlage, um ehrgeizige Ziele überhaupt erreichen zu können. Der endgültige Erfolg liegt im Erreichen dieser Ziele. 

Änderungen geschehen nicht von heute auf morgen

Die Arbeit mit psychischer Sicherheit selbst ist nicht angenehm. Häufig geht es dabei nämlich darum, sich verletzlich zu zeigen, offen zu sein, wenn man mit Fehlern (den eigenen und denen anderer) konfrontiert wird, und keine Angst zu haben, Zweifel anzusprechen. 

Aber bei hervorragender psychischer Sicherheit am Arbeitsplatz sind Mitarbeitende, Führungskräfte und das Unternehmen selbst besser dafür gerüstet, schwierige Situationen zu vermeiden, diese zu verbessern und zu meistern. Es wird einfacher, unangenehme Dinge und negative Situationen in positiven, wertvollen Fortschritt zu verwandeln. 

Diese Änderungen geschehen jedoch natürlich nicht von heute auf morgen. 

Psychische Sicherheit entsteht langsam im Laufe der Zeit, denn sie ist die Grundlage für jene Arbeitskultur, die sie erzielen will, und wird wiederum von dieser Arbeitskultur verstärkt. 

Psychische Sicherheit am Arbeitsplatz können Sie also nur dann verbessern, wenn Sie sich allgemein auf die Arbeitskultur konzentrieren. Vielfach sind die allgemeine Arbeitskultur und die psychische Sicherheit voneinander abhängig. Sie wirken sich ständig positiv oder negativ aufeinander aus. 

Und da es so viele Faktoren gibt, die sich auf die allgemeine Arbeitskultur und das Gefühl der psychischen Sicherheit auswirken, können Sie als Führungskraft eines Unternehmens psychische Sicherheit auch dann beeinflussen, wenn Sie nicht direkt an der psychischen Sicherheit arbeiten. 

Lassen Sie uns daher abschließend herausfinden, wie Sie die psychische Sicherheit am besten verbessern können. 

Wie kann psychische Sicherheit optimiert werden?

Es gibt unzählige Methoden, um die psychische Sicherheit zu verbessern. Wie das am besten geschieht, hängt vorwiegend von der jetzigen Arbeitskultur Ihres Unternehmens, aber auch von vielen weiteren Punkten ab.

Möglichkeiten, um Verbesserungen anzustoßen, gibt es viele. Und als Führungskraft können Sie etliche Maßnahmen bereits heute umsetzen.

Kleine Änderungen von Ihnen können eine große Wirkung haben und sich wie eine Welle auf das gesamte Unternehmen ausbreiten.

Führen Sie beispielsweise eine monatliche Besprechung ein, in der große und kleine Herausforderungen des Berufsalltags geteilt werden können. Hierdurch zeigen Sie den Mitarbeitenden, dass neben Erfolgen auch Herausforderungen jeder Art Teil der Arbeitskultur sind.

Eine weitere kleine Änderung kann darin bestehen, auf welche Art und Weise Sie innerhalb einer Abteilung oder innerhalb des Unternehmens mit Fehlern umgehen und wie Sie im Berufsalltag generell sensible Themen an- und besprechen.

Nehmen Sie den ersten, den allerwichtigsten Schritt und finden Sie heraus, welche Maßnahmen sich am besten für Ihre Mitarbeitende eignen.

Wie dieser erste Schritt am besten gelingt, worauf Sie sich fokussieren sollten und vor allem wie Sie anfangen sollten, dazu lesen Sie mehr im Artikel „3 besten Tipps zur Arbeit mit psychischer Sicherheit innerhalb des Unternehmens.“

Andreas Barfoed-Høj

Business Psychologist (cand.psych)

Consultant

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